Apply Autonomy erscheint am 04.September 2026 und sagt sich leichter, als es ist. Wieviel Autonomie ist notwendig und ermächtigend, damit man sich nicht in einer Co-Abhängigkeit verliert? Wann wird sie zum Trugschluss, in dem wir uns abschotten und glauben, alles alleine schaffen zu müssen? Wo schlägt die kapitalistische Selfcare und Hyperindependence zu, in der alle nur noch auf sich schauen - auf Kosten anderer? Last but not least: Wer macht sich über all das einfach keine Gedanken?
My Ugly Clementine's viertes Album feiert das, was für richtig schöne Verbindungen zählt, und zieht ziemlich oft den Mittelfinger dort, wo die Zeit abgelaufen und die Geduld ausgegangen ist. Apply Autonomy ist eine konfrontative Abrechnung, das Ziehen einer emanzipatorischen Grenze, eine lange kollektive Umarmung und ein lauter Spaß.
Musikalisch heisst das die Kombination von: frontal in die Fresse, Pegel sprengen, Verzerrer in allen Facetten, bis zum Anschlag mit Energie geladen, gemeinsam dahinbrettern, springen, singen, schreien. Gleichzeitig, davor, danach oder in der Mitte sind Sophie Lindinger, Mira Lu Kovacs und Nastasja Ronckfluffig, cute, befreiend und ermutigend. In Confidence geben sie sich einen Ruck aus der Schüchternheit und sozialen Awkwardness heraus, als würden sie vor dem Spiegel stehen, sich quirlig zureden und aus dem Schneckenhaus locken. Head in the Air ist harter Rock und schöne Aggression. Die Band hämmert geschlossen in ihre Instrumente. Es ist die Energie, die frei wird, wenn man vor dem Totalschaden aus einer Beziehung ausbricht. This is nice ist eine abgeklärte, flirty Date-Hymne. Die große Liebe ist es nicht, man will sich auch nicht gegenseitig das Herz brechen, aber tatsächlich ist es genau das, was jetzt passt.
My Ugly Clementine haben auf Apply Autonomy Platz für das Spannungsfeld der Welt, wie sie sich gerade im Außen und im Innen zeigt, zwischen "Ich pack's nicht", und "Awwww". Sie haben einen Motorradsong geschrieben für Weltanschauungen mit Ablaufdatum, und einen Wedding-Song für die rechtsstaatliche Anerkennung von Freund*innenschaft und Chosen Family. Die Band verzehrt sich im unfreiwilligen Alleinsein, wenn die Stille plötzlich lauter wird, als alles andere, sammelt dann alle Murmeln zusammen und singt eine Ode an Friendship-Crushes. Sie bäumt sich auf und schreit der brandgefährlichen Doppelmoral linker cis Männer, die sich als aufgeklärt und feministisch bezeichnen, entgegen: "You're the pretender! Fuck your standards!"
Apply Autonomy lotet auch das Potenzial ihrer Dreistimmigkeit weiter und weiter aus. Wenn My Ugly Clementine gleichzeitig singen, greifen die Stimmen so ineinander, dass eine überdimensionale vierte zu entstehen scheint. Sie komponieren ihre Vocals in jeder denkbaren Variante zueinander, alleinstehend, verwoben, zeitversetzt oder im Call and Response. Sophie Lindinger, Mira Lu Kovacs und Nastasja Ronckdecken dabei eine beeindruckende Range ab, können in Timbres so unterschiedlich klingen, tiefdunkel und leuchtend hell. Es ist nicht nur die Lautstärke und das Treiben der Instrumente, sondern auch diese drei Stimmen, die den Sound dieser Band so speziell machen, die gemeinsam eine solche Kraft entwickeln können und dich im nächsten Moment in der Leichtigkeit einer Popmeldoie grinsen machen.
Es sind drei sehr eigenständige Musikerinnen, die ausserhalb dieser Band in etlichen anderen Projekten und Kollaborationen umtriebig sind. Auf der Bühne, im Songwriting und Produzieren sind sie in ihrer Autonomie und Verbundenheit so angekommen wie noch nie. Das erste Mal haben My Ugly Clementine viel mehr Songs geschrieben, als sie für ein Album gebraucht hätten. Apply Autonomy ist die Auswahl, die es geschafft hat und im Herbst auf Europa-Tour geht.
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